Agentische KI in der Fertigung. Was dahintersteckt und wo die Grenzen liegen
Von Henrik Horn · · aktualisiert · 4 Minuten

Was mit agentischer KI gemeint ist
Ein Agent verfolgt ein Ziel über mehrere Schritte und wählt dabei selbst, welches Werkzeug er als Nächstes nutzt. Das unterscheidet ihn von Automatisierung mit festen Regeln.
Drei Stufen helfen beim Einordnen. Klassische Automatisierung folgt einem festen Ablauf. Ein KI-Assistent beantwortet Fragen und schreibt Entwürfe, handelt aber nicht. Ein Agent bekommt ein Ziel, plant die Schritte selbst, ruft Systeme auf und reagiert auf das Ergebnis.
In vielen Beiträgen verschwimmen diese Stufen. Ein oft zitiertes Beispiel ist das BMW-Werk in Spartanburg. Dort prüft seit 2023 eine KI die Lage der Schweißbolzen an der Karosserie und meldet falsch gesetzte an einen Roboter, der nachbessert. Laut BMW spart allein diese Anwendung mehr als eine Million Dollar im Jahr. Das ist ein gutes Beispiel für Bilderkennung mit geschlossenem Regelkreis. Ein Agent im engeren Sinn ist es nicht. Die KI erkennt, der Ablauf danach ist fest programmiert.
Was davon in Fabriken läuft
Die Hersteller von Industriesoftware bauen Agenten gerade ein. Auffällig ist, wo sie zuerst ankommen.
Im Januar 2026 stellte Siemens auf der CES neun KI-Copiloten für sein Softwareangebot vor. Sie helfen etwa beim Navigieren in Produktdaten, bei Nachweisen für Zulassungen und in der Fertigungssteuerung. Zusammen mit Nvidia will Siemens ab 2026 im Elektronikwerk Erlangen eine vollständig KI-gesteuerte Fertigung als Vorlage aufbauen. Das ist ein Plan, noch kein Ergebnis.
Die ersten Einsatzfelder liegen also nicht an der Maschine, sondern in der Software drumherum. Produktdaten, Dokumentation, Planung. Das hat einen Grund. Maschinensteuerung muss sich jedes Mal gleich verhalten und nachweisbar sicher sein. Ein Sprachmodell, das bei derselben Eingabe unterschiedlich antworten kann, gehört dort nicht an den Hebel.
Wo die Grenzen liegen
Die Erwartungen sind hoch. Die Analysten sind vorsichtiger.
Gartner prognostizierte im Juni 2025, dass mehr als 40 Prozent aller Projekte mit agentischer KI bis Ende 2027 eingestellt werden. Als Gründe nennt Gartner steigende Kosten, unklaren Nutzen und fehlende Kontrolle der Risiken. Dazu kommt, was Gartner „Agent Washing“ nennt. Viele Anbieter vermarkten bestehende Chatbots oder RPA-Werkzeuge als Agenten. Nach Schätzung von Gartner bieten nur rund 130 der Tausenden Anbieter echte agentische Fähigkeiten.
- Fehler pflanzen sich fort. Ein Agent, der im dritten Schritt falsch abbiegt, arbeitet danach sauber auf der falschen Grundlage weiter.
- Nachvollziehbarkeit fehlt. Warum ein Agent eine Entscheidung getroffen hat, lässt sich oft nur mühsam rekonstruieren.
- Kosten sind schwer planbar. Jeder zusätzliche Denkschritt kostet Rechenzeit, und wie viele Schritte ein Agent braucht, weiß man vorher nicht.
Was das für Ihr Büro heißt
Die meisten Verwaltungsprozesse brauchen keinen Agenten. Sie brauchen einen festen Ablauf mit einer KI an den Stellen, an denen Text gelesen oder geschrieben wird.
- Der Agent liest die Bestellung, sucht den Kunden und legt den Auftrag an
- Welche Schritte er wählt, ist jedes Mal offen
- Fehler fallen oft erst später auf
- Die KI liest die Bestellung und liefert die Positionen als Daten
- Abgleich mit Stammdaten und Anlage im System folgen festen Regeln
- Unklare Fälle gehen zur Freigabe an einen Menschen
Dasselbe Muster trägt im Einkauf. Die KI liest die Auftragsbestätigung des Lieferanten, der Workflow gleicht Menge, Preis und Termin mit der Bestellung ab und meldet nur die Abweichungen. Im Reporting kann ein Sprachmodell eine Frage in eine Auswertung übersetzen. Die Zahlen selbst kommen aber aus einer festen Abfrage, nicht aus dem Modell.
Feste Schritte bleiben fest. KI kommt dort hinein, wo unstrukturierte Eingaben wie Mails, PDFs oder Freitext verarbeitet werden. Entscheidungen mit Folgen gibt ein Mensch frei, bis der Ablauf sich über Wochen bewährt hat.
Wann sich selbst das nicht lohnt, steht im Beitrag Wann Sie nicht automatisieren sollten. Wie ein Workflow mit Fehlern umgeht, zeigt der Beitrag zur Fehlerbehandlung in n8n.




